Zehn gute Gründe für die Kirche

Wozu ist die Kirche gut? Wozu bin ich in der Kirche? Manche fragen sich das, wenn sie von Ereignissen in der Kirche entsetzt sind oder wenn ihre christliche Überzeugung für sie selbst fragwürdig wird. Wer in der Kirche ist, sogar haupt- oder ehrenamtlich mitarbeitet, hat seine bzw. ihre Gründe dafür. Wir haben in der Gemeinde herumgefragt und einige dieser (guten) Gründe gesammelt. Ja, Kirche kann schuldig werden und ihren eigenen Überzeugungen widersprechen. Doch daneben und trotzdem gibt es andere Seiten von ihr. Lohnt sich nicht der Einsatz dafür, dass diese Seiten stark bleiben und leuchten?

1. Ein Netz von Notfallseelsorger:innen

2004 schockiert ein Tsunami im Indischen Ozean die ganze Welt. Viele Menschen ertrinken in der Flutwelle. Wer überlebt, kommt mit einem gewaltigen Schrecken davon. Einige Tage später werden deutsche Touristen aus Thailand nach Düsseldorf ausgeflogen. Die Maschine landet in München zwischen. Wie geht es den Leuten an Bord? Seit Tagen haben sie im Katastrophengebiet in Hotels ausgeharrt. Haben sie wen verloren? Was haben sie mit ansehen und anhören müssen?

Notfallseelsorge NFS Seelsorge 74
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Die Seelsorge am Flughafen München setzt sich mit den Beauftragten für Notfallseelsorge in beiden Kirchen in Verbindung. Es wäre gut, wenn eine Heerschar ausgebildeter Männer und Frauen an Bord käme. Die Beauftragten haben eine Liste von Notfallseelsorger:innen. Sie rufen an, schreiben Mails. Viele lassen alles liegen, verschieben Termine, kommen zum Flughafen. Dort werden wir nochmals kurz gebrieft und gehen dann an Bord. Ich spreche mit zwei Frauen, die beinahe euphorisch erzählen, wie sie in ihrem Hotel anderen geholfen haben, die alles verloren haben. Eine Sternstunde der Kirche(n). Wer sonst hätte in so kurzer Zeit so viele Menschen für hilfreiche Gespräche mobilisieren können?

2. Ehrenamtliche kümmern sich um Kindergärten

Ohne die Kirche gäbe es in Waldperlach keine KiTa Arche Noah. Denn die wird von einem Trägerverein getragen, dessen Vorstand aus engagierten Gemeindegliedern der Jubilatekirche besteht.

Es ist ein ehrenamtlicher Dienst an der Gesellschaft: an Familien mit Kleinkindern. Die Stadt München braucht solche freien Träger. Zusammen mit dem bayerischen Staat finanziert sie die Einrichtung. Aber damit es sie gibt, muss erstmal ein Träger(verein) her. Und der ist wie in vielen anderen Ortsteilen Münchens eine Kirchengemeinde bzw. ein kirchengemeindlicher Verein. Den führen Ehrenamtliche. Und davon profitieren alle im Stadtteil, egal, welcher Konfession sie (nicht) angehören.

Was sagen Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen dazu?

Eine Umfrage unter den Mitarbeiterinnen der Kindertagesstätte hat uns unterschiedliche Antworten gebracht:

Wir finden es gut, dass es die Kirche gibt, weil es ein Ort ist, an dem man Ruhe finden und seinem Glauben freien Lauf lassen kann. Man findet schnell seine innere Ruhe, und man hat das Gefühl, dass immer jemand da ist, der einem zuhört. Das Team der Papageien

 Wir finden, die Kirche ist ein Ort, an dem wir Unterstützung, Zuwendung und Hilfsbereitschaft in allen Lebenslagen erhalten können. Die Kirche selbst ist auch ein Ort der Stille und Ruhe, um nachzudenken und um wieder zu sich selbst zu finden. Beata, Shilan und Susi von den Schmetterlingen

Kurz und knapp: Glauben versetzt Berge. Das Team der Elefanten 

3. Ein Ort zum Treffen

So lange wir denken können, lädt die Kirchengemeinde zu offenen Seniorennachmittagen ein. Sie sind für viele Menschen in Waldperlach und Putzbrunn wichtig. Denn hier kann man

  • gemütlich zusammensitzen
  • Kaffee und Kuchen genießen
  • gemeinsam singen
  • die Gemeinschaft stärken
  • sich gegenseitig kennenlernen
  • interessante Vorträge hören
  • mit unserem Pfarrer, der immer dabei ist, schöne Andachten feiern.

Diese offenen Seniorennachmittage wollen wir und viele weitere nicht missen. Sie gehören zu unserer Kirchengemeinde, zu Waldperlach und Putzbrunn – und wir hoffen, dass wir Sie bald wieder einladen dürfen! 

Traute Simon und Hannelore Thielemann

4. Partnerschaft mit Menschen in Tansania

Unsere Gemeinde hat eine sehr langfristige und nach vielen Jahren immer noch sehr lebendige Partnerschaft zu einer Gemeinde in Tansania. Diese Verbindung besteht bereits seit mehr als 30 Jahren. In dieser Zeit haben die Pastoren und die Partnerschaftsbeauftragten sowohl in Tansania als auch in Deutschland öfters gewechselt, die Verbindung aber blieb durchgängig bestehen.

Verantwortliche der Gemeinde in Saja auf der Baustelle des neuen Hostels. Es soll für Gäste z.B. des Krankenhauses der Kommune gebaut werden
Verantwortliche der Gemeinde in Saja
auf der Baustelle des neuen Hostels.

Diese Partnerschaft konnte nur begründet und fortgeführt werden, weil wir hier im Rahmen der Evangelischen Kirche in Bayern unsere Jubilategemeinde haben, und es im Rahmen der Lutherischen Kirche in Tansania die Gemeinde Saja gibt. Diese beiden Gemeinden blieben immer erhalten, und für die jeweiligen neuen Amtsträger war es selbstverständlich, die Partnerschaft fortzuführen. Ohne die Organisation Kirche auf beiden Seiten würde es diese Partnerschaft nicht geben.

Diese Verbindung fördert durch regelmäßigen Austausch (früher über Briefe, die sehr lange unterwegs waren; aktuell meist über WhatsApp) und Begegnungen das gegenseitige Verständnis der doch sehr unterschiedlichen Kulturen und Lebensverhältnisse. Dabei entstehen sogar persönliche Beziehungen auf der Basis unseres gemeinsamen Glaubens.

Michael Harraeus und Eberhard Patzak

5. Persönlicher Halt...

Posaunenchor
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Was sind gute Gründe für die Kirche? Diese Frage stellen sich heutzutage viele Leute und es gibt verschiedenste Meinungen zum Thema. Für mich persönlich gibt die Kirche einen festen Halt in einer sich zunehmend dynamisch entwickelnden Zeit, in der manchmal sogar fest geglaubte Werte und Normen als nicht mehr so wichtig tituliert werden - zumindest von einigen Personen. Es tut gut, den Zusammenhalt zu spüren, sich gut aufgehoben zu fühlen und die Sicherheit zu haben, dass da jemand ist, wenn man ihn braucht.

6. ...und Trost in der Musik

Als ehrenamtlicher Musiker ist es immer wieder wertvoll, einen kleinen Beitrag leisten zu können, wenn Menschen in der Kirche zusammenkommen, gemeinsam feiern und jubilieren oder auch in schwierigen Stunden des Abschieds Trost spenden zu können. GEMEINSCHAFT ist hier, was zählt. Dabei zu sein, ist so wertvoll! Die Kirche gibt einen spannenden Rahmen, in dem man sich in vielfältiger Form einbringen und die Inhalte aktiv gestalten kann. Dafür bin ich dankbar.

Volker Ballach vom Posaunenchor

7. Ein weltweites Netzwerk: Die Kirche hilft in Not

Ohne sie gäbe es weniger Unterstützung für Menschen, die hungern, ihr Dach über dem Kopf verlieren, unverschuldet in eine Krise geraten und auf Solidarität  angewiesen sind. Das gilt für unser Umfeld hier in München, aber auch global.

Ich habe durch meine Arbeit im Lutherischen Weltbund (LWB) erfahren, wie wichtig und weitreichend das kirchliche Engagement ist. Der LWB vereint 148 Kirchen von Norwegen bis Südafrika und Mexiko bis Japan und umspannt die ganze Welt. Diese Gemeinschaft der Christen reicht bis in die Kirchengemeinden vor Ort. Das ist ein riesiger Vorteil: So können Notlagen schnell erkannt werden, weil es immer lokale Ansprechpartner gibt.

Der Lutherische Weltbund ist einer der größten Partner des Flüchtlingswerkes der Vereinten Nationen (UNHCR) und arbeitet eng mit Brot für die Welt und der Diakonie Katastrophenhilfe zusammen. In Nigeria habe ich selbst ein Projekt kennengelernt, das sich mit der Bekämpfung von Fluchtursachen beschäftigt. Es wendet sich an Menschen, die bereits versucht haben, ihr Land hinter sich zu lassen und auf eine strahlende Zukunft hofften, aber bitter enttäuscht wurden. Oft haben sich diese Menschen Geld bei ihren Verwandten geliehen und trauen sich nun nicht mehr zurück in ihre Heimat. Sie sind gescheitert und perspektivlos. Die Kirche setzt sich ein, diesen Männern und Frauen eine neue Chance auf ein würdiges Leben zu geben. Dabei geht es nicht darum, Politik zu betreiben oder staatliche Aufgaben wahrzunehmen, sondern einfach zu helfen – aus Nächstenliebe. Wir sind alle von Gott geschaffen und einzigartig. Jeder Mensch sollte in Würde leben können, nur so kann ich Gottes Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung verstehen. Jedes Leben ist wichtig. Jede Not betrifft uns alle. Ohne das weltweite Netzwerk der Kirche geht es nicht.

Tim Sonnemeyer

8. Ehrenamtliche leiten mit

Was (evangelische) Kirche prägt: dass auf allen Ebenen Haupt- und Ehrenamtliche zusammenarbeiten. Als Pfarrer vor Ort mache ich die Erfahrung: Ich brauche Ehrenamtliche, sonst geht gar nichts. Aber das gilt auch umgekehrt: Ehrenamtliche brauchen Hauptamtliche, sonst geht gar nichts. Wir sind aufeinander angewiesen. Wir motivieren uns aber auch gegenseitig zu unserem Einsatz. Etwas, was ich an der Kirche sehr schätze. Ehrenamtliche auch.

Mehr dazu in unsrem Interview mit Gesine Clotz

9. Räume für alle

Kerzen vor dem Altar der Jubilatekirche

Kirchen sind Räume für Gottesdienste. Unter der Woche stehen sie allen offen. Jeder und jede kann sie betreten. Und was ich in einem Kirchenraum tue, schreibt mir niemand vor. Freiraum zum Sitzen und Gehen, Denken und Beten, Schauen und Augenschließen. Schöne Räume sind es oft, Räume der Ruhe, mit besonderer Atmosphäre. Das macht sie in der Stadt, wo es geschäftig, laut und schnell zugeht, zu einmaligen Chancen, kurz mal woanders zu sein.

10. Ein großer Name

Hier kommt der beste, der tiefste und geheimnisvollste Grund: Jesus Christus. Die Kirche ist gut, weil man dort von Jesus Christus erfahren kann. Ohne ihn gäbe es keine Kirche. Mit ihm hat sie ein Geheimnis, das sie lebendig hält: Gott wird Mensch, teilt Höhen und Tiefen von uns, begibt sich in unsere Schwäche und Ohnmacht, und trägt uns mit unseren Abgründen und Irrwegen, mit allem, was wir Gott, den Menschen und Tieren schuldig bleiben. Was für eine Botschaft! Nirgends sonst zu haben, aber hier wird sie gefeiert und bedacht, hier wird sie geteilt und von ihr gelebt. Diese Botschaft bleibt der Kirche, selbst wenn sie versagt und sich unglaubwürdig macht.

Pfarrer Sebastian Degkwitz