Thema

Von Christen und Autos

„Wer glaubt, ein Christ zu sein, nur weil er die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, nur weil man in eine Garage geht.“ Das soll einmal Albert Schweitzer gesagt haben, als man ihn fragte, was zum Christsein dazugehört.

Und ich frage mich: Was wäre ein Auto ohne Straße? Denn ein Auto wird erst zum Auto, wenn es fährt. Und ich habe große Freude am Fahren. Ich glaube auch, dass es zum Glauben unbedingt dazugehört, im Alltag und in der Welt unterwegs zu sein. Glauben, das bedeutet für mich: Ich glaube, dass Gott selbst zu uns Menschen gekommen ist, um mitten drin zu sein in unserem Leben.

Ich weiß, dass Gott mich, so wie ich bin, erlöst hat und liebt. Das will ich mir mitnehmen auf meine Straße, in meinen praktischen Alltag. Autos sind unterschiedlich: Es gibt Ferraris und Bullis, Neuwagen und Oldtimer. Diese Vielfalt ist wundervoll. Umso wichtiger ist es, dass alle den Fahrstil finden, der zu ihnen passt. Viele Christen feiern das Kirchenjahr ganz bewusst, vor allem die Adventszeit, Weihnachten und Ostern. Und in besonderen Momenten falten sie ihre Hände oder zünden ein Licht an. Viele kennen auch die kleinen, alltäglichen Formen von praktischem Glauben: z.B.das Tischgebet oder die Losungen, die auf wundersame Weise immer wieder genau passen. Manche Menschen in unserer Gemeinde üben sich in christlicher Meditation und anderen Formen der Achtsamkeit. Mein Geheimtipp ist das Rummelsberger Brevier: Dort finde ich kurze Andachten, die mich durch den Tag begleiten.

Fulbert Steffensky, ein großer Lehrer des praktischen Christentums, beschreibt Spiritualität als „geformte Aufmerksamkeit“: Ich mache mich berührbar und erkenne die Spuren Gottes mitten im Alltag. Wichtig ist, dass ich mir regelmäßig die Zeit dafür nehme – gerade dann, wenn ich der Meinung bin, sie nicht zu haben. Eine Frau aus unserer Gemeinde betet gerne, wenn sie auf ihrem Pferd sitzt, die Frau auf dem Titelbild sagt: „Ich bete immer beim Staubsaugen.“ Denn wenn Spiritualität zu meinem Alltag gehört, dann kann sie mich auch durch meinen Alltag tragen.

Ich bin auf meiner Straße nicht alleine unterwegs. Und wenn es darum geht, Glauben in die Praxis umzusetzen, heißt das für mich auch: Anpacken. Überall, wo es mein Nächster braucht. Denn wenn ich an die Liebe Gottes glaube, kann ich nicht anders, als diese Liebe an meinen Nächsten weiterzugeben. Vielleicht reicht es schon aus, zu einem anderen Menschen auf der Straße freundlich „Grüß Gott!“ zu sagen, weil ich weiß, dass ich mich darüber selbst auch freuen würde. Vielleicht ist es aber auch eine Spende für eine gute Sache, oder auch ganz praktisches Engagement: im Asylhelferkreis, in der Diakonie oder einfach nur für meine Nachbarn.

Kein Auto kann ständig den Motor laufen lassen. Es hat Verschleißteile - so wie wir Menschen. Gut, dass es die Garage gibt! Sie ist genau der richtige Ort für Autos. So ist es dann doch mit der Kirche: Sie wurde für Christen gebaut, damit sie einen Ort haben, zu dem sie immer kommen können. Der Gottesdienst am Sonntag ist darum der Kern von praktischem Glauben. Und auch der Ort, an dem ich wieder Kraft sammeln kann für meinen Alltag: Mit schönen Liedern, einer guten Predigt und der Gemeinschaft im Gebet. Albert Schweitzer hat recht, wenn er meint, dass es zum Auto-Sein mehr braucht, als nur in der Garage zu stehen. Aber man ist auch kein Auto, nur weil man pausenlos fährt.

■ Vikar Philipp Stoltz