Thema

Gott im Vorübergehen

Seit der Redaktionssitzung für diesen Gemeindebrief sehe ich am Straßenrand plötzlich viel mehr Wegkreuze als vorher. Allein auf dem Gemeindegebiet von Putzbrunn sind acht Wegkreuze zu finden. Vielleicht gibt es auch noch mehr – Sie können ja mal selbst auf die Suche gehen.
Bei einer Radtour Richtung Glonn fällt mir dann auf, wie viele der alten Höfe eine kleine Kapelle neben dem Wohnhaus stehen haben. An etlichen Bildstöcken kommen wir auch vorbei. Oberbayern ist schon sehr von diesen sichtbaren Glaubenszeichen geprägt.

Aus ganz verschiedenen Gründen wurden die Kapellen, Kreuze und Bildstöcke errichtet. Sie drücken Dank für überstandene Gefahr aus, sie sind als Sühnekreuz oder zur Erfüllung eines Gelübdes aufgestellt, sie halten die Erinnerung an einen Verstorbenen wach oder sie zeigen einfach den Glauben derer, die sie errichtet haben. Zur Zeit der Gegenreformation sollten sie wohl auch den protestantischen Glauben abwehren und den katholischen Glauben stärken.

„Gott im Vorübergehen“ - so haben wir den Fokus dieses Gemeindebriefes genannt. Wir gehen ja vorüber an den Wegkreuzen, Bildstöcken und Kapellen, nehmen sie oft nur aus dem Augenwinkel wahr – und werden durch sie doch für einen Moment auf Gott hingewiesen. Ich kann dann achtlos weiterfahren oder – gehen. Oder ich lege einen kurzen Stopp ein. Dann trete ich für einen Moment aus meinen üblichen Gedanken heraus. Ich schaue in den Himmel und bin dankbar, dass ich am Leben bin. Ich denke an Jesus Christus und an seine Art, für andere zu leben. Dadurch gewinne ich eine veränderte Perspektive, nehme mich selbst nicht so wichtig und sehe klarer, was andere brauchen. Martin Luther fällt mir ein, der aus dem Blick auf Christus so
viel Kraft geschöpft hat. Anschließend setze ich meinen Weg fort in dem Bewusstsein, dass Gott mich auf meinem Lebensweg begleitet.

Auch wenn mich ihre naiv-direkte Bildlichkeit manchmal befremdet, mag ich die Wegkreuze, Bildstöcke und Kapellen am Straßenrand, als sinnlich-sichtbare Zeichen des Glaubens. Die Pfingstgeschichte kommt mir in den Sinn: Glaube gehört nichthinter verschlossene Türen, sondern hinaus auf die Plätze und Straßen, dorthin, wo Menschen leben und unterwegs sind.

Wer mit dem Auto unterwegs ist, kommt an einer anderen Art von Kreuzen vorbei: an Unfallkreuzen. Sie erinnern an einen Menschen, der dort bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Und sie mahnen die, die vorbeifahren: Sei vorsichtig, hab´s nicht zu eilig, achte dein Leben und das der anderen.

Auch in vielen Legenden lässt sich Gott „im Vorübergehen“ finden. So trifft der Heilige Martin, nach dem die Putzbrunner evangelische Kirche benannt ist, am Straßenrand auf einen Bettler. Martin geht nicht vorbei, sondern schenkt dem Bettler die Hälfte seines Mantels, um ihn vor dem Erfrieren zu bewahren. Im Traum hört er dann
Christus sagen: „Ich war der Bettler.“ Im Bettler, in dem Menschen, an dem er (nicht) vorüberging, begegnete Martin also Christus selbst.

„Gott im Vorübergehen“: Dieses Motto unseres Gemeindebriefes regt mich an, auf meinen Wegen Augen und Herz offen zu halten. Offen für die Menschen und offen für Gott.

Gute Wege durch den Sommer wünscht Ihnen
Pfarrerin Barbara Hopfmüller