Thema

Liebe Leserinnen und Leser,

„Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“, so singen es die Engel den Hirten von Bethlehem zu. Wegen dieser Engelsbotschaft feiern viele Weihnachten als „Fest des Friedens“.

Doch es herrscht kein Friede auf Erden. Die Weihnachtsbotschaft stößt jeden wachen Zeitgenossen auf schreckliche Realitäten. In Syrien hat ein Diktator sein brutales Regime mit Fassbomben und Chemiewaffen gefestigt. Staatschefs drohen laut und locker damit, Atomwaffen einzusetzen. Christen und Jesiden wurden von islamistischen Mörderbanden aus dem Irak vertrieben und sehen dort keine Heimat mehr. Und im friedlichen Europa stehen die Zeichen auf Aufrüstung, weil man sich an den Ostgrenzen der EU nicht mehr sicher fühlt.
Das kommt mir in den Sinn, wenn die Engel vom Frieden auf Erden singen. Wie gehen wir mit diesem Widerspruch um? Meine Antwort lautet: Ich nehme beides an, eines nicht ohne das andere. Ich will erzählen von einem Chorstück, das diesen Widerspruch in Worte und Musik fasst: Arnold Schönbergs Motette „Friede auf Erden“ von 1907. Schönberg vertont ein Gedicht von C.F. Meyer, das die Sehnsucht nach dem Frieden beschwört. Möge es doch einst eine Generation geben, die diesen Frieden verwirklicht! Schönbergs Musik wühlt auf, ist dramatisch und pathetisch. Aber seltsam: Die Unruhe wird vorangetrieben von dem „Friede, Friede auf der Erde“ der Engel. Mehrfach läuft die Musik darauf zu. Und diese Partien der Engel sind – himmlisch! Sie beschwören und betören, kommen von anderswoher und wecken Sehnsucht. Noch ist der Friede nur der Gesang der Engel und klingt wie ein fernes Ideal. Doch die Musik macht den Frieden hörbar. Sie macht aus ihm Sehnsucht. Wer diesen Musikfrieden hört, den lässt er nicht mehr los. Schönbergs „Friede auf Erden“ ist ein Echo auf das erste Weihnachtslied, den Engelsgesang auf den Feldern von Bethlehem.
Doch es wäre zynisch, diese Musik zu hören und zu meinen, nun sei alles wieder gut. Das wäre Weltflucht. Wo doch Gott genau umgekehrt zur Welt kommt. Wer die Botschaft vom Frieden auf Erden hört, wer dieses kostbare Gut beim Hören empfindet, kann gar nicht anders, als Anteil zu nehmen am Leben derer, denen der Friede fehlt. Viele Menschen üben deshalb zur Weihnachtszeit Solidarität. Sie spenden für „Brot für die Welt“, für unsere Partnergemeinde in Saja oder für andere Organisationen, um etwas beizutragen zu einer gerechteren und friedlicheren Welt. Ich denke auch dankbar an unsere beiden Helferkreise, die sich in Putzbrunn und Waldperlach um geflüchtete Menschen kümmern. Viele Flüchtlinge kommen aus kriegerischen Konflikten. Wer mit ihnen Deutsch lernt oder auf die Dult geht, führt sie ein paar Schritte in ein neues friedliches Leben.
Doch der Gesang der Engel ist nicht nur ein Appell, Friede zu üben. Er bejubelt den Frieden. Er singt ihn uns zu. Friede ist da, weil das Kind in der Krippe liegt. Das ist die Botschaft des Weihnachtsfestes, dass hier der Friede anfängt: bei dem Kind, das wehrlos im Stall liegt. Sein kindlicher Blick auf uns ist wie ein Geschenk. Sein Lächeln und Vertrauen entwaffnen jeden, der das meditiert. Das ist ein Weihnachtsgeschenk für jeden, der in die Krippe schaut: Gott ist „bei den Menschen seines Wohlgefallens“, obwohl es ihnen so schwer fällt, Frieden zu halten. In der Krippe sehen wir Gottes Hartnäckigkeit! Möge sie auch uns die Ausdauer geben, mit langem Atem für den Frieden tätig zu sein - bei uns und allen Völkern.
■ Pfarrer Sebastian Degkwitz