Thema

 

Wer ist mein Nächster?

„Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist“, schrieb Dietrich Bonhoeffer. Auch wenn die Kirchen in ihrer Geschichte gewiss manches falsch gemacht haben oder mit dem Erhalt der eigenen Macht beschäftigt waren, so war und ist doch der Einsatz für andere, besonders für Arme, Kranke und Benachteiligte groß.

In der evangelischen Kirche in Deutschland ist dieser Einsatz heute gut organisiert im großen Sozialwerk der Diakonie. Daneben sind viele, viele Menschen unspektakulär und unbezahlt einfach „für andere da“: Als Nachbarinnen, als Mitchristen, als Helfende in den verschiedensten Kreisen.
Was motiviert dazu, für andere da zu sein? Sicher auch die Erfahrung: Das bringt mir was! Man freut sich über die Dankbarkeit derer, denen man helfen konnte, man hat das Gefühl, seine Zeit sinnvoll einzusetzen, man hat nette Kontakte.
Christinnen und Christen haben darüber hinaus noch eine andere Motivation. Die finde ich im Lukasevangelium, Kapitel 10. Da fragt ein Mann Jesus, was er denn tun müsse, damit sein Leben recht sei. Die Antwort Jesu: „Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Der Mann fragt nach: „Wer ist mein Nächster?“
Er schaut also aus seiner eigenen Perspektive auf die anderen und will wissen, wem er denn helfen solle, damit es i h m etwas bringt und damit s e i n Leben richtig ist. Jesus erzählt daraufhin die berühmte Geschichte von dem Menschen, der verletzt und ausgeraubt am Wegrand liegt. Zwei angesehene und rechtgläubige Männer gehen vorüber ohne zu helfen, erst der dritte, der „barmherzige Samariter“ hilft. Am Ende der Geschichte greift Jesus die anfängliche Frage nach dem Nächsten auf - und verändert sie, nämlich so: „Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war?“
Jesus nimmt die Perspektive des Notleidenden ein, nicht die des Wohltäters. Er motiviert zu einer bestimmten Sichtweise. Nicht: Was bringt es m i r? Was brauche i c h? Sondern: Was bringt es dem a n d e r e n? Was braucht die a n d e r e?
Oder nochmal mit den Worten Dietrich Bonhoeffers: „Unser Verhältnis zu Gott ist kein »religiöses« zu einem denkbar höchsten, mächtigsten, besten Wesen - dies ist keine echte Transzendenz -, sondern unser Verhältnis zu Gott ist ein neues Leben im »Dasein-für-andere«, in der Teilnahme am Sein Jesu. Nicht die unendlichen, unerreichbaren Aufgaben, sondern der jeweils gegebene erreichbare Nächste ist das Transzendente.“
Dass in der Erzählung Jesu ausgerechnet ein Samariter hilft, also ein Fremder, einer, der nach damaliger Überzeugung den falschen Glauben hatte und nicht zum Volk Gottes gehörte, spricht in Zeiten von rechtspopulistischen Ausgrenzungen seine eigene Sprache.
Froh und dankbar bin ich, dass sich in unserer Gemeinde Menschen von Jesus motivieren lassen, einfach „für andere“ da zu sein. Einige kommen in diesem Gemeindebrief zu Wort. Sie regen uns an, offenen Auges durch die nächsten Monate zu gehen und zu schauen, wem wir der oder die Nächste sind.
■ Pfarrerin Barbara Hopfmüller